Aktuelles

 

Deutsch für Frauen

Lydia Sawatzki und Sandra Tibi leiten den neuen Kurs "Deutsch für Frauen". Anmelden kann man sich bei Margrith Güntert, Tel. 07734/6934.

Der Kurs findet wieder statt, sobald die Corona-Vorschriften es erlauben:

Freitags von 9.30 Uhr bis 11.00 Uhr im ev. Gemeindesaal Büsingen

 

 

 

 

 

 

Im August dieses besonderen Jahres in Folge der Pandemie Covid19 haben sich Medienberichte, politische Verlautbarungen, Wahlkampfäußerungen, Kirchenmitteilungen und Demonstrationen gegenseitig ergänzt, beflügelt, hochgeschaukelt.

Mein geschätzter Kollege Gottfried Spieth von südlich des Hochrheins ist bei der Demonstration Ende August in Berlin gewesen.

 

Sie finden hier seinen Bericht.

 

Machen Sie sich selbst ein Bild und vergleichen Sie seine Beobachtungen und Einschätzungen mit denen der offiziellen Medien.

 

Matthias Stahlmann

 

Berlin – Woodstock und zurück

 „Frieden … Liebe …“ Wie Donnerhall braust es um die Berliner Siegessäule. Ich komme mir vor, als sei ich auf einer Zeitreise nach Woodstock. „Freiheit … Anstand … Mündigkeit …“ Blumen­bekränzte Frauen und muskelbepackte Männer rufen diese Schlüsselworte in den blauen Berli­ner Himmel hinaus. Alle Altersgruppen sind beteiligt. Tanzend bewegen sie sich zum Trommel­wirbel. Ein wogendes Meer aus Klängen und Rhythmen ist das. Kinder spielen auf dem Rasen. Sogar Schulkinder aus der Schweiz haben ihren Auftritt auf der Bühne: Sie loben den masken­freien Unterricht, den sie in ihrer Heimat genießen dürfen.

 Jugendliche lassen Luftballons in Herzform aufsteigen. Seniorinnen und Senioren wiegen sich in den Farben des Regen­bogens. Sind das die ge­läuterten 68er, umwoben von Lebensweisheiten und philosophischen Einsich­ten? Sie haben dieses gewinnende, einladende Lächeln auf dem Gesicht. Dem kann ich nicht widerstehen. Zu entschlossen und unverdrossen, zu rein und heiter sind diese lieben Leute, als dass ich sie übersehen könnte oder missachten dürfte.

 Energisch kämpfen die Redner für unveräusser­liche Grundrechte. Diese dürften durch den Infektions­schutz nicht aufgehoben werden, for­dern sie. Von einem Notstand, der eine solche Einschrän­kung rechtfertigen würde, wollen sie nichts wissen. Stattdessen pro­kla­mieren sie: „Menschen­würde bricht Maskenpflicht“, „kein Zweck heiligt die Mittel“, „Impfpflicht ist Körperverletzung“, „lieber erschießen lassen, als sich zum Impfen zwingen lassen“.

 Sind das nur Worte, die sie ausrufen an diesem letzten Samstag im August? Oder ist es eine Botschaft? Weil Wahrheit, Glaube und Hoffnung dahinter stecken? Und wenn es wirklich ernst gemeint ist – worin besteht dann die Probe aufs Exempel? Also dann, wenn es brenzlig wird?

 Zum wiederholten Mal will die Polizei die Großversammlung auflösen. Der Grund: Angeblich werden die Abstandsregeln nicht eingehalten. Die Nerven sind zum Zerreissen gespannt, als der aus Ghana stammende Kölner Rapper Nana – er hat eben noch schwungvoll auf dem Podium moderiert und zum Protest gegen Rassismus aufgerufen – in Handschellen abgeführt wird.

 Das geschieht anlässlich einer Nachversammlung am Sonntag. Einzelne Unterstützer machen Anstal­ten, mit ihren Fäusten dagegen zu halten. Doch dann, neben Buhrufen und einem gellen­den Pfeif­konzert, erschallt aus Tausenden von Kehlen der Ruf: „Angst macht krank … Keine Gewalt …“ Und dann wird noch eins draufgesetzt. Die Polizisten werden zum friedlichen Überlaufen aufgefordert: „Kommt zu uns!“

 Ist das nicht wie Musik in den Ohren? Zeitlose Tugenden der Bergpredigt werden zum Leitmotiv einer riesengroßen Schar von Widerstandsleuten erkoren. Die Parolen kommen anscheinend von Herzen. Sind sie nicht unvergleichlich wärmer und glutvoller als die formelhaft ge­stanz­­ten Wort­hül­sen mancher Politiker? Die preisen die EU als die beste aller möglichen Welten und be­schwö­ren die Unverzicht­barkeit der NATO. Hier an der Siegessäule aber ist etwas Größeres als die westliche Werte­gemein­schaft zu erleben. Hier geht es um die Menschheit. Hier keimt die zarte Hoffnung auf, dass die Verdunkelung der Vernunft bald ein Ende hat. Leuchtet nicht schon ein neues Licht der Aufklärung? Diesmal allerdings nicht von Westen, sondern von Osten.

 Die Lautstärke im weiten Rund des Platzes und aus den umliegenden Straßen schwillt an, bis daraus ein Orkan wird. Doch urplötzlich tritt gesammelte Stille ein. Meditation ist angesagt. Eine feierliche Spannung überall. Schilder mit Porträts von Mahatma Gandhi werden wie bei einer Pro­zession umher getragen. Wie eine Verbrüderung zwischen Asien und Europa kommt mir das vor. Die literarische Begleitmusik, die dazu passt, kommt aus Weimar. Von dort grüßt der Dichter­fürst Goethe mit seinem west-östlichen Diwan.

 Auf der Berliner Versammlung höre ich den ganzen Tag kein einziges Wort, das sich gegen den Islam richtet. Stattdessen setzen sich zwei freikirchliche Prediger umso laut­stärker für Versöh­nung ein. Feuer und Flamme sind sie für die Bewegung des Friedens. Jesus Christus rufen sie als Erlöser und Befreier der Völker an. Langsam beten sie mit der Menge das Vater­unser. Es ist über­­wältigend kraftvoll und schön.

 Man muss nicht an die komplizierten Corona- oder Impft­heorien der Protestleute glauben, um mit ihnen zu feiern, zu tanzen, zu beten. Und das Beste: Man muss gar nicht viel schaffen und machen. Sondern wird ganz einfach getragen von dieser Strömung der Liebe und der Kraft.

 

Im Heerlager der Querdenker

 Das beinahe grenzenlose Wohlwollen der Corona-711-Querdenker spüren auch viele Nationa­li­sten. Sie suchen ein Dach, wo sie unterschlüpfen können. In der Berliner Versammlung meinen sie, fündig geworden zu sein. Aber passen sie wirklich hierher? Gibt es einen Schlüsselbegriff, in dem sich deutschnationale und gesundheitspolitische Querköpfe treffen – trotz aller ihrer welt­anschau­­­­lichen Gegensätze? Wie lautet der gemeinsame Nenner?

 Das ist der Friede. Und zwar nicht nur zwischen Personen, sondern auch zwischen Völkern. Nach dem zweiten Weltkrieg sei kein Friedensvertrag zwischen den verfeindeten Kriegsparteien zu­stan­de gekommen. Sondern nur eine Kapitulation samt nachfolgender provisorischer Gründung zweier Nachfolgestaaten des deutschen Reiches. Trotz deren Vereinigung sei eine schmerz­liche Lücke geblieben. Um die zu schließen, müsse jener Vertrag endlich nach­ge­holt werden. Ge­sche­he dies, könnten Gestaltungsformen des ursprünglichen Reiches wieder in Kraft gesetzt wer­den. So lautet die Hoffnung einiger dieser Patrioten, mit denen ich ins Gespräch komme.  

 In den Präsidenten Trump und Putin sehen sie heimliche Verbündete ihrer Erwartungen. Beson­ders zu Russland soll es in Zukunft wieder ebenso herzliche Beziehungen geben, wie es zu Fürst Bismarcks Zeiten der Fall war. Der russische Bär und der preussische Adler seien sowieso natür­liche Verbündete. In Hoffnung darauf schwenken diese vaterländischen Menschen fleissig die schwarz-weiss-rote Flagge des deutschen Kaiserreiches. Soweit ich beobachten kann, bilden sie eine wohlgelittene Teilmenge der Versammlung, prägen ihr aber keineswegs den Stempel auf.       

 Denn die Gemeinschaft unter der Siegessäule ist denkbar weit und bunt. Sie sprengt beinahe jede Grenze. Unzählige deutsche, russische, schwedische, daneben schw­e­i­­­z­e­rische, österreichi­sche, niederländische, italienische, israelische und nicht zuletzt US-ameri­ka­ni­sche Flaggen er­zeu­gen ein fesselnd farbenfrohes Bild in der gol­de­nen, spät­sommer­lichen Sonne. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Ist das nicht wie in einem brand­neu­en Abenteuer­film, der uralte Mythen wahr werden lässt und sie einbaut in ein trag­fähiges Modell der Zukunft?

 Ist das der entscheidende Kick, um endlich auszusteigen aus bürgerlicher Engherzigkeit und Kleinkariertheit? Sollte ich nicht den Versuch wagen, es den Demonstranten gleichzutun? So dass wir uns zusammen freischwimmen? Obwohl es vermutlich nur ein Stück weit gelingt: Wann beginnen wir ein gemeinsames Training als Mut-Schwimmer gegen den Strom? Der ideelle Nutzen dürfte gewichtiger sein als der mögliche Schaden, den die eigene Posit­ion in der Ge­sellschaft erleiden könnte. Und wer weiss? Womöglich wird aus dem Berliner Stück­werk wider Erwarten doch noch etwas Rundes und Ganzes ...

 Was unter der Siegessäule so vielfältig und schöpferisch abläuft, könnte wirklich das Zeug haben zu einem großen Wurf. Was hier abgeht, ist das Gegenteil jener staatlich verordneten Rahmen­erzäh­lungen, die landauf landab verbreitet werden und gähnende Langeweile hervorrufen. Hier unter der Sieges­säu­le fühlt man sich frei von jenem hochmoralischen Druck, den die Oberlehrer der Zivilgesell­schaft aufbauen mit sauertöpfischer Miene. Hier ist man unbeeinflusst von jenen Stichwort­ge­bern in Presse, Funk und Fernsehen, die mit ihren Phrasen bloß noch nerven. Was hier passiert, ist unabhängig von den offiziellen Gesundheitsaposteln, die päpstlicher reden als der Papst.

 Hier schweisst ein inniger, liebevoller Zusammenhalt die Truppe zusammen. Hier herrscht ein naturwüchsiges Gemeinschaftsgefühl, das geradezu dem Zeitalter von Romantik und Wander­vogel entsprungen sein könnte. Diese Solidarität ist energiereicher, wärmer und dichter als die der bundesdeutschen Mehrheitsgesellschaft, die durch ein formali­sti­sches, mitunter künstlich aufgebauschtes Regelwerk erzeugt wird.

 

Entfremdung

 Als wohlwollend neutraler Beobachter tauche ich am 29. und 30. August in die gemeinschaftli­che Aura derer ein, die die Welt durch ihr geschärftes Brennglas wahrnehmen. Dass aus diesem Blickwinkel eigenwillige oder einseitige Weltanschauungen entstehen, weiss ich. Nicht ohne Grund wird Corona-Leugnern vorgeworfen, in einer geschlossenen Filterblase zu sitzen. Noch schwerer wiegt der Vorwurf, sie benähmen sich wie eine Sekte.

 Sollte dem so sein – ist es dann der Mühe wert gewesen, dass ich extra wegen dieser Versamm­lung die Reise von Schaffhausen auf mich genommen habe? Zweifel steigen auf. Etliche Beden­ken­träger laufen mir über den Weg. Was sie sagen, klingt zunächst vernünftig – und verstärkt meine Zweifel. Was mich dann zunehmend nervt, ist ihre Selbst­gefäl­ligkeit. Im Brust­ton des Besser­wis­sers tun sie die Ber­liner Demo als schwärmerisch, rechtslastig, ja faschistisch ab. Geprägt von Sprach- und Denk­mu­stern staatsnaher Medien, stei­gern sie ihren Redeschwall und malen die Versammlung in den schwär­­ze­sten Farben. Was sie von sich geben, kommt von oben herab. Es wirkt bedroh­lich und einschüchternd.

 Und das stört mich dann doch sehr. Da stehen mir die Demonstranten trotz ihrer teils skurillen Ansichten menschlich einfach näher. Sie schildern mir eindringlich die Schikanen und inneren Verletzungen, die sie zu er­tragen haben. Bestenfalls würden sie bemitleidet, meist geschnit­­ten, oft sogar ver­achtet: „Igitt, was für verantwortungslose, unbelehrbare Leute seid ihr doch!“ Und das sei noch harmlos gegenüber dem, was sie sonst zu hören bekämen. Selbst der Ber­liner Innen­­s­enator habe sich nicht beherrschen können und sie mit Schimpf­worten bedacht.

 Ich kann das nicht nachprüfen. Ich spüre aber folgendes: Aus den verbalen Entglei­sun­gen folgt eine Entfremdung, die sich scheinbar unaufhörlich steigert. Sie beruht auf Gegen­seitigkeit. Bei der gesellschaftlichen Mehrheit wächst das moralische Über­le­gen­heitsgefühl bis fast ins Unend­liche – zumal man die geballte Staats- und Medienmacht auf der eigenen Seite weiss.

 Was aber geschieht auf der anderen Seite? Die Leute zweifeln oder ver­zwei­feln an unserer De­mo­kra­tie, an die sie früher glaubten – und von der sie hernach bitter ent­täuscht wur­den. Tiefes Miss­trauen frisst sich fest. Das wieder aus der Welt zu schaf­­­fen, hat bisher keiner geschafft. Es rich­tet sich gegen das selbst­zufrie­dene staats­treue Bürger­tum, das Maßnah­men und Ma­chen­­schaften seiner eigenen Eliten anscheinend nicht durch­schaut – oder absichtlich über­sieht.

 Für umso wachsamer halten sich die Demonstranten. Ihr gefühlter Märtyrerstatus lässt sie inner­lich erstarken. Aus ihrem Leidensdruck entsteht ein Opfermythos. Sie schließen ihre Reihen im Geist von Widerstand und Erneuerung.

 

Neubeginn mit Schmerzen

 Die Demonstranten führen ständig die Grundrechtsartikel des Grundgesetzes im Munde. Zu­gleich wollen sie nach Artikel 146 ebendieses Grund­gesetzes handeln, und das heisst: Eine neue, nun wirklich gesamtdeutsche und zukunftsweisen­de Verfassung möge entstehen. Zu diesem Zweck soll umgehend eine verfassungsgebende Ver­samm­lung einberufen werden.

 Einige Heißsporne wollen nicht aus Berlin weichen, bis Schritte in diese Richtung eingeleitet sind. Sie kündigen ein Dauercamp im Berliner Tiergarten an. Auf der Tribüne schlagen die Red­ner revolutionäre, antikapitalistische Töne an: Das neue Deutschland soll auf genos­sen­schaft­li­cher Grundlage aus der Taufe gehoben werden, nachdem die Macht der Großkonzerne gebro­chen ist.

 Man könnte die Gegenfrage stellen: Was soll das Ganze? Ist euch das derzeitige Deutschland nicht gut genug? Oder habt ihr wirklich eine Schwachstelle oder Sollbruchstelle im Gefüge der BRD entdeckt, die so schlimm ist, dass sie nur durch einen Neustart behoben werden kann? Oder seid ihr einfach unzufrieden mit dem derzeitigen Personal an der Spitze des Staatswesens?

 Heftig wird ausgeteilt gegen das „Regime“. Die als Schreckensgestalt unsichtbar allge­gen­­­wärtige Frau Bundeskanzlerin würden sie am liebsten durch sofortige Neuwahlen stürzen. „Merkel muss weg.“ Aus Zehntausenden von Kehlen erschallt dieser Ruf, der sich durch ein ki­lo­meterlanges Echo geradezu unheimlich verschärft.

 Es ist der wuchtigste, heftigste und wildeste Gefühlsausbruch, den ich an diesem Nachmittag mit Erstau­nen und Erschauern wahrnehme. Ich habe keine verstandesmäßige Erklärung dafür. Ich kann nur erahnen, woran das liegen könnte. Es kommt mir vor, als entsteige den Urtiefen des Volkes ein Geist der Gemeinschaft, der die Massen eint und ihnen ein Feindbild zur Ver­fügung stellt, an dem sie ihre Energien abarbeiten können. Dieser Energieausbruch erfolgt offenbar mit in­nerer Notwen­digkeit. Kollektive Gefühle sind nun einmal ein Teil unserer Wirklichkeit. Es bringt nichts, wenn man sie moralisch abqua­li­fiziert oder gar dämo­nisiert. Die Wächter der politi­cal correctness mögen noch so hochtrabende Belehrungen und Ermahnungen von sich geben – es nützt natürlich nichts. Das macht die Wut nur noch heftiger.  

 

Höhepunkte

 Wie viele sind überhaupt zusammengekommen? Die Behörden beziffern ihre Zahl auf 38 000. Das werden diejenigen sein, die direkt an der Siegessäule und in den angrenzenden breiten Straßen versammelt sind. Das ist der harte Kern. Das ist die Stammkundschaft.

 Die Organisa­toren der Versammlung gehen jedoch von sehr viel höheren Zahlen aus. Sie be­zie­hen die Lauf­kundschaft mit ein. Also Sympathisanten und sonstwie Interessierte bis hin zu neu­gierigen Pas­santen auf allen jenen Plätzen und Straßen im Zentrum Berlins, wo Stände oder Po­dien auf­ge­baut sind. Ange­mel­det sind ja eine Vielzahl ähnlich ausgerichteter Veran­staltun­gen. Auf diese Weise kommt die Schätzung zustande, dass mehrere Hundert­tausend Menschen mit von der Partie sind als Unterstützer, Zaungäste, Beobachter.  

 Die schiere Menge der Teilnehmer und die eindrucksvollen Auftritte der Redner – allen voran der Umweltaktivist Robert F. Kennedy Jr., Neffe des legendären US-Präsidenten – hat etwas Großartiges und Sympathisches an sich. Als Kennedy die berühmten Worte seines Onkels wie­der­­holt: „Ich bin ein Berliner“, kennt die Begeisterung keine Grenzen. Hier und heute formiert sich eine Groß­gruppe von beein­druckender Zahl, Kraft und Selbstbewusstsein. Hier und heute ist eine „kritische Masse“ am Entstehen, die das gesellschaftliche Gefüge aus dem Gleichgewicht bringen, zeitweise sogar kippen könnte. Und wir sind Zeugen davon.  

 Wie wirkt das auf der anderen Seite? Was ist mit der Antifa? Tritt sie überhaupt in nennenswer­ter Zahl auf? Dort, wo sie das tut, kann sie dennoch das Gesamtbild nicht prägen. Und was ist bloß los mit den für Ber­lin typischen linksliberalen Meinungsmachern, die den Zeitgeist so ideal und perfekt abbilden? Ihre ge­fühlt übermächtige Führungsstellung wirkt an dies­em Wochen­ende wie angekratzt. Sie wird durchbrochen. Oder zu­min­­dest unterbrochen.

 Wo bleiben sie nur, die Anwälte der kühl berechnenden, allseits wachsamen Vernunft? Gewerk­schaft­en, Parteien, Kirchen und ande­re zivilgesellschaftlichen Mitspieler, die sonst bei jeder Ge­le­­gen­heit ein Bünd­nis gegen die Fein­de der Demokratie schmieden – haben sie an diesem Wo­chen­­ende Urlaub genommen? Durch ihre gefühlte Abwesenheit geben sie ein Vakuum frei, in das die Protestierer vorstoßen. Ausgehend von der Siegessäule und vom Brandenburger Tor prägen sie das Stadt­leben. Zumindest am Sams­tag­nachmittag verschaffen sich die alternativen Kräfte einen aus­gezeich­neten Platz an der Berliner Sonne.

 

Tiefpunkte

 Damit fangen die Probleme aber erst richtig an. Am Samstagabend scheint Berlin trotz aller Vorsichtsmaßnahmen einen Augenblick lang in den Bann finsterer Mächte zu geraten. Es handelt sich um eine Aktion auf den Treppen des Reichstages. Die ist innerhalb der Protest­bewe­­gung hoch umstritten und wird von der Demonstrationsleitung rundheraus abgelehnt.  Wie hat es trotzdem dazu kommen können?

 Die Sicherheitsleute sind einen Wimpernschlag lang unaufmerksam. Kurzzeitig verbleiben nur drei Polizisten am Eingang des Parlaments, während sich ihre Kolleginnen und Kollegen entfern­teren Aufgaben zuwenden. Das wirkt wie eine Einladung an etwa 400 buntgemischte Demon­stranten, die sich auf Vorplatz aufhalten.

 Sie lassen sich zusätzlich anlocken von den Sirenenklängen einer Heilpraktikerin, die sich wohl zuvor schon medienwirksam auf der Treppe positionieren konnte. Sie ruft zu einer friedli­chen Hausbesetzung auf. Sie tut das mit der seltsamen Begründung, US-Präsident Trump sei in Berlin gelandet, und das sei ein Signal zum Aufbruch.

 So schräg das klingt, so wirksam ist es. Viele fallen darauf herein. Durchbrechen die Absperr­git­ter. Tummeln sich nach Herzens­lust auf der Freitreppe des berühmtem Gebäudes. Freuen sich über ihre fahnengeschmückte Präsenz am geschichtsträchtigen Ort. Immerhin stammt das Bau­werk ja aus der späten Kaiserzeit. Ihre Freude ist von kurzer Dauer. Rasch eilt polizeiliche Verstär­kung herbei und macht dem Spuk ein Ende.

 Ab Samstagabend stehen dann Bilder und Texte über einen in letzter Sekunde verhinderten „Sturm auf den Reichstag“ an vorderster Stelle in den Medien. Was folgt daraus? Ein Umbruch und Um­schwung, der zu Lasten der Protestbewegung geht. Der friedliche Flower-Power-Ein­druck vom Nach­mit­tag ist wie ausgelöscht. Stattdessen wird die Gefahr eines brandgefährlichen Faschismus an die Wand gemalt, der wieder einmal vor den Toren Berlins stehe. Nicht nur ich frage mich: Sind das genau die Bilder, die man „brauchte“? Und zwar deshalb, um die gesamte Protestbewegung in ein schiefes Licht zu rücken? Diese Frage bleibt offen. Ebenso unbeant­wor­tet bleibt die Frage, ob die zeitweise Ab­wesenheit der Sicherheitskräfte spontan erfolgte. Oder taktisch motiviert war?

 Übrigens, am späten Abend treffe ich einige der verhinderten Reichstagsstürmer zufällig in einem Freiluftcafé auf der Prachtstraße Unter den Linden. Sie berichten kleinlaut von jener Heilpraktikerin, der sie mit Hurra gefolgt seien. Diese  Frau sei eigentlich eine von ihnen, inzwi­schen aber „umgedreht“ worden. Das tumultöse Treiben der Unruhe­stifter auf der Reichs­tags­treppe bekommt durch diese Aussage einen noch seltsameren Beigeschmack.

 Zu allem Unglück hin hatten die Treppenbesetzer ja die eine oder andere Fahne des Kaiser­reiches mitgeführt – wobei allerdings auch türkische und usbekische Flaggen gesichtet wurden auf den Stufen des ehr­wür­digen Hauses. Was den Nebel, der über dem ganzen Geschehen wabert, zusätzlich vermehrt.

 

Ungleiche Gegenspieler

 Was für eine flotte und zugleich nebulöse Mischung ist das also an diesem Berliner Wochen­ende! Das Ganze fängt locker und flockig an und endet im Tumult. Sind das alles zufällige, spon­tane Ereig­nisse? Zunächst wirken sie frisch, fromm, fröhlich und frei. Stellenweise naiv und un­be­hol­fen. Einige beobachtete Merkwürdigkeiten lassen den Schluss zu, dass zu guter Letzt auch Schlapp­hüte ihre Finger mit im Spiel gehabt haben könnten.

 Wie geht es weiter? Keiner weiss, in welche Richtung die Entwicklung geht. Das nächste Treffen ist für den Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober in Konstanz geplant. Im esoterisch aufgela­denen Bodenseeraum könnten die alternativen Kräfte weiter erstarken. Schon jetzt ist es ganz erstaun­lich, in welch kurzer Zeit es dem Stuttgarter Unternehmer Michael Ballweg gelungen ist, eine so enorme Zahl Gleichgesinnter um seine Querdenker-711-Bewegung zu scharen.

 Und wie sieht es mit der staatstragenden, einflussreichen, erfolgsverwöhnten Zivil­gesellschaft aus? Vermutlich erholt sie sich von dem Schlag, den sie an diesem Berliner Wochen­­ende ver­passt bekam. Und zwar ziem­lich rasch. Sie hat ja einen unerschütterlichen Stand­ort­vor­teil: Seit Gründung der Bundesrepub­lik 1949 und noch einmal verstärkt nach 1968 hatten ihre Vertreter eine halbe Ewigkeit lang Zeit, sich in buchstäblich jeder westdeut­schen Stadt und Region, die sich dafür offen zeigte, zu ent­fal­ten und breit­zuma­chen.

 Mit der Zeit haben sie es geschafft, die Deutungs­hoheit in fast allen gesellschaftlich bedeut­sa­men Debatten zu erringen. Darum könnten sie sogar gestärkt aus der Coro­­­na-Krise hervor­ge­hen. Mit der Folge, dass sie nun auch in jenen weiten Räumen der neuen Bundesländer Fuß fassen, wo bislang noch anders ausgerichtete Kräfte das Sagen haben.

 Dank ihres Bildungsvorsprungs und ihrer finanziellen Möglichkeiten werden diese zivilgesell­schaft­­lichen Akteure und Gruppen ihre soziale und kulturelle Vorherrschaft umso stärker aus­bauen, je plum­per und laienhafter ihre Gegenspieler vorgehen. Diese kommen wegen ihres natur­wüch­sigen Enthusiasmus und naiven Optimismus nur sehr schwer über ihre derzeitige Impro­visa­tionsstufe hinaus.

 Ganz anders die Polizei. Sie wird künftig noch professioneller auftreten. Das schlaueste Fort­bildungs­­material und die bestmögliche Ausrüstung werden ihr zur Verfügung gestellt. Hinzu kommt eine noch engere Verzahnung mit den Diensten. Das ist ein geballter Machtzuwachs für die Sicher­heitsorgane. Wer wird ihren strategischen Zielvorgaben und taktischen Finessen künf­tig  ge­wachsen sein? Schon jetzt vermögen sie es durch ausgeklügelte Methoden, die am Rande der Legalität angesiedelt sind, ihre Gegenspieler alt aussehen zu lassen. Zunächst wird ein wenig Zuckerbrot verteilt und dann mit der Peitsche umso härter zugeschlagen.

 

Rückblick

 Dazu ein Beleg vom Berliner Wochenende: Zunächst wird durch höchstrichterlichen Bescheid die Querdenker-Demo genehmigt. Die Auflagen, die die Richter festlegen, werden aller­dings von der polizeilichen Einsatzleitung so engmaschig ausgelegt und durchgezogen, dass der erlaubte Umzug vom Brandenburger Tor zur Siegessäule erst gar nicht in die Gänge kommt. Die Absicht ist klar: Die zentrale Veranstaltung soll nicht noch dadurch auf­ge­wer­tet werden, dass sich ein kilometerlanger Umzug auf die Siegessäule zubewegt im Triumph.

 Worin bestehen die Maßnahmen im einzelnen? Als sich die Leute in den Bereichen Friedrich­straße, Wilhelmstraße und Unter den Linden zum Abmarsch formieren wollen, sehen sie sich plötzlich von Absperrgittern eingezäunt. Auch Neben­straßen sind verriegelt. Die Menschen sind von allen Seiten eingekesselt und auf engstem Raum zu­sam­mengepfercht. Sie können gar nicht den gesetz­lich geforderten Mindestabstand von andert­halb Metern einhalten.

 Und dieses „Vergehen“ – das durch die enge Absperrung ja geradezu provoziert wurde – wird von den Sicher­heitskräften zum Anlass ge­nom­men, schließlich den ganzen Umzug abzu­sa­gen.

 Meh­rere Lastwagen, die mit Lautsprechern und einem bunten Unter­hal­tungs­programm den Zug beglei­ten sollten, werden ebenso blockiert. Den Teil­neh­mern bleibt nichts anderes übrig, als sich zu zerstreuen. Auf verwinkelten Schleichwegen gelan­gen sie endlich doch noch in die Nähe der zentralen Kundgebung an der Siegessäule. Diese kann mit zweistündiger Verspätung beginnen.

 Das sind also die höchst effektiven Spielchen der Behörden und ihrer Vollzugsorgane. Sie sitzen sowieso am längeren Hebel. Auf Ebene der Exekutive nutzen sie ihre Machtstellung konse­quent, zumal weit und breit kein Gericht sie an der handfesten Umsetzung ihrer Vorhaben hin­dert.

 Sollte sich diese Tendenz künftig verstärken, würden staats­fer­ne Protestbewegungen noch mehr als bisher ins Abseits – oder sogar in den Untergrund – gedrängt. Sie stehen ja erst am Anfang ihrer Entwicklung. Sie können noch gar nicht jenes Maß an Professionalität erreicht haben, das es braucht, um sich auf Augenhöhe zu präsentieren.

 

Ausblick

 Trotz aller Merkwürdigkeiten, die an diesem Wochenende passieren, wird doch ein klein wenig Geschichte geschrieben. Alle, die dabei waren, können später sagen: Am 29. August hat Berlin, hat Deutschland, hat Europa einen Anstoß bekommen. Oder soll man zutreffender sagen: Es war ein produktiver Rückstoß, der an diesem Tag erfolgte? Eine schöpferische Verzö­ge­rung?

 Ja, so ist es: Die Dynamik der Zentra­lisierung und Globalisierung, die sich im staat­lichen und gesell­schaftlichen Geschehen der Bundes­republik spiegelt – sie wurde geblockt. Gehemmt. Ein Stück weit abgebremst.

 Ist es verwegen, in die­sem Zusammenhang den 2. Thessalonicherbrief des Apo­stels Pau­lus zu zi­tie­ren? In Kapitel 2, Verse 5-7 ist die Rede von einer Kraft, die den Antichristen aufhält. Ich sage nicht, das gegen­wär­t­ige Deutschland sei antichristlich. Aber vielleicht bewegt es sich darauf zu? Und zwar im Zuge der Globa­lisierung und weltumspannenden Machtkonzentration? Ein Impf-Chip könn­te dazu führen, dass alle Bewohner eines Landes zentral erfasst – und damit kontrol­lier­­bar werden. Dass es eines Tages dazu kommen könnte, ist nicht wild herbeifantasiert. Das könnte sich als echte Bedrohung entpuppen.  

 Gegen solche denkbaren und vorstellbaren Entwicklungen kämpft die Querdenker-711-Bewe­gung. Auch wenn sie, anders als ihre Vordenker allzu optimistisch meinen, vermutlich keine nationale, geschweige denn inter­na­tionale Wende herbeiführen kann – immerhin kann sie zum Sand im Getriebe derer werden, deren höch­stes Ziel und Bestreben eben jene Zentralisierung ist.

 Auch ein kleiner oder mittelmäßiger Beitrag, um den Antichristen aufzuhalten, ist hoch an­ge­se­hen in der oberen Welt. Der Vater und Schöpfer aller Dinge wird einst auf seine Weise dafür sor­gen, dass unser blauer Planet umfassend neu geordnet wird. Dies wird geschehen im Zeichen des Kreuzes. In guter Hoffnung auf eine solche Entwicklung plädiere ich für einen ent­spann­ten und wohlwollenden Umgang mit Querdenkern und anderen Widerstandskräften, ohne die Mehrheitsgesellschaft ausser Acht zu lassen.                                                                                                                                                                                                 Gottfried Spieth

 

 

Wie einst Mose mit dem Stab der Schlange zur Abwehr von Krankheit und Tod, steht heute der Pfarrer mit dem Coronastab vor der Gemeinde und achtet auf lebensrettenden Abstand...

 

Grüße per E-Mail

 

Liebe Gemeinde! In den vergangenen Wochen war die Dorfkirche tagsüber geöffnet. ‚Ein feste Burg‘ in schwerer Zeit. In den Schaukästen und in den Amtsblättern haben wir immer wieder ein geistliches Wort an Sie geben können. Manchmal musste es wegen der begrenzten Zeilenzahl gekürzt werden.

Wenn Sie mögen, schreiben Sie uns eine kurze Nachricht, dass Sie gerne bis zu einem Widerruf von uns Grußworte per Mail erhalten möchten. Wir senden Ihnen diese dann zu. Hier die Mailadresse für Ihren Wunsch nach Infopost: buesingen-gailingen@kbz.ekiba.de

 


Neuer Kinderchor in Gailingen

 

Die ehemalige Leiterin der Musikschule Westlicher Hegau, Frau Ulrike Brachat, Kinder aus Gailingen in die Friedenskirche ein, um einen Kinderchor zu gründen.

Weitere Auskünfte nach der Korana-Krise.

 

Wir freuen uns auf viele Kinder!

 

 

 

 

 

Weitere Angebote unter:  Angebote, Gruppen und Kreise



 

Wir weisen darauf hin, dass sich einzelne Termine gelegentlich ändern können.

           Bitte informieren Sie sich auch im Mitteilungsblatt der Gemeinde.